Zurück aus der Vergangenheit

In den letzten drei Wochen habe ich weder Punkte gezählt, ein Treffen besucht, noch mein Sportprogramm durchgezogen. Dafür war ich viel unterwegs, um meine Familie und ein paar Bekannte zu besuchen. Folglich habe ich wieder ein paar Pfunde zugenommen, aber ich bin auch um einige Erkenntnisse reicher, die eine weitere Bestandsaufnahme verlangen.

Und wie immer bei Bestandsaufnahmen, stelle ich zu Beginn einige Fragen in den Raum:

  • Ist es immer noch mein Wunsch abzunehmen?
  • Bin ich bereit die Dinge und Menschen, die mir schaden hinter mir zu lassen?
  • Möchte ich mein Leben überhaupt noch (weiter) verändern?

Einige werden jetzt sagen, die Antwort liegt doch auf der Hand. Aber bloß „Ja“ zu sagen reicht leider nicht aus, um ein viele Jahre altes emotionales Minenfeld unbeschadet hinter mir zu lassen. Ich habe erkannt, dass ich nicht nur dick geworden bin, weil ich zu viel gegessen habe, ich bin dick geworden, weil ich zu bequem oder ängstlich war, den Unrat aus meiner Seele zu kehren. Es geht nicht nur um eine Diät zur Reduktion des Gewichts, darum vielleicht hinterher besser auszusehen, es geht darum sein Leben dem gewünschten Aussehen anzupassen. Man könnte vielleicht sogar so weit gehen zu sagen: Es geht darum tatsächlich ein schönerer oder wenigstens anderer Mensch zu werden!

Der Wunsch abzunehmen allein kennt kein Ergebnis. Er ist einfach bloß da, macht mir, wenn ich es nicht schaffe, das Leben schwer, und tut so als würde er sich erfüllen, während es gut läuft. Er braucht ein Ziel, um konkret zu werden.

Wer schon lange bei mir liest, der weiß, dass ich in meinen ersten drei Wochen WW kein Gramm abgenommen habe. Erst als sich herauskristallisierte, was ich eigentlich erreichen will, fielen die ersten Pfunde. Damals habe ich diese Ziele in Kilos verpackt, inzwischen habe ich allerdings erkannt, dass mein eigentliches Ziel ein ganz anderes war: Ich wollte vielmehr wieder die Jesse sein, die sich einen Dreck darum schert, was die anderen sagen… und die war ich das letzte Mal vor etwa 10 Jahren.

So ein bisschen habe ich dieses Ziel schon erreicht: Ich wiege so viel wie Ende der 90er, trage einen großen Teil meiner alten Garderobe, durch die sportliche Betätigung habe ich sogar eine bessere Figur und mein früheres Selbstbewusstsein kehrt laaaaaaaangsam zurück. Ich habe endlich wieder angefangen Musik zu machen, etwas, das ich nach der Bandauflösung in 2000 schmerzlich vermisste, und ich habe damit begonnen gewissen Menschen zu erklären, wo genau sie mich können. ;D

Passend dazu habe ich in den letzten 3 Wochen Leute besucht, die ich sehr lange nicht mehr gesehen habe. Einige haben meine richtig dicke Phase gar nicht mitbekommen, wie z.B. meine Cousine, die mich beglückwünscht hat „nicht wie alle anderen aus der Form gegangen zu sein“. Na, wenn die wüsste… LOL! :D

Meine Mom hingegen, die alle Phasen meines Dickseins kennt, war nicht so nett. Ich schätze, sie hat sich einfach geärgert, dass es bei ihr nicht so gut klappt, obwohl wir gemeinsam angefangen haben. Sie fand, man könne nicht besonders viel von meiner Abnahme sehen. Als mein Vater daraufhin protestierte und meinte, ich sähe seiner Meinung nach sogar besser aus als mit 25 (süß von ihm, oder?), entgegnete sie: „So ein Quatsch, zieh dir mal die Brille an…“. Ich kann nicht sagen, dass ich etwas anderes erwartet habe, meine Mom und ich haben einander nicht gerade ausgesucht, aber verletzt hat es mich dann schon. Ich habe wohl bis zuletzt gehofft, dass das, wovor ich mich am meisten fürchte, nicht eintritt.

Aber die Sache hat auch ihr Gutes: Ich weiß jetzt, wie meine Familie reagiert, habe die Worte meiner Alten ertragen ohne zu sterben oder sie zu ermorden und kann nun mit gutem Gewissen nach vorn schauen und meine Fragen beantworten:

  • Ist es immer noch mein Wunsch abzunehmen? – Ja!
  • Bin ich bereit die Dinge und Menschen, die mir schaden hinter mir zu lassen? – Schon geschehen!
  • Möchte ich mein Leben überhaupt noch (weiter) verändern? – 100%
Und so setze ich wieder alles auf Anfang und stelle mich heute Abend meiner unbestechlichen Freundin, der nur-mit-Schuhen-Waage. Sie wird nicht sehr nett zu mir sein, aber da muss ich jetzt durch. Bis morgen!

Herr Schlendrian – ein Mann mit vielen Gesichtern

Wenn wir Herrn Schlendrian begegnen, sehen wir zuerst nur einen höchst zuvorkommenden Mann, der uns Komplimente macht. Das macht er so lange, bis unser Bauch so arg gepinselt ist, dass unser Stolz größer als unser Hirn ist!

Nach der Definition auf Wiki ist der Schlendrian „…umgangssprachlich eine langsame, träge, nachlässige und dadurch ineffektive und fehleranfällige Arbeitsweise. Der Schlendrian entsteht meist durch mangelnde Motivation und/oder zu ausgeprägte Routine bei der Arbeit. […]“ s. dazu auch Wikipedia/Schlendrian.

Dem braucht man nicht mehr viel hinzuzufügen. Zumindest nicht, wenn man bereit ist einzusehen, dass der Grund für Stagnation oder Zunahme bei einem selbst liegt, denn paranormaler Natur kann er nun mal nicht sein! Wer tatsächlich „im Plan“ ist nimmt auch ab, das habe ich ja in der Vergangenheit gesehen. Wenn ich es plötzlich nicht mehr tue, muss ich wohl oder übel noch einmal genauer untersuchen, wo meine Fehler liegen!

Ich benutze seit letzter Woche das Frage-Antwort-Spiel, um mich wieder neu zu justieren:

FrageWas habe ich am Anfang über mich geschrieben?
Antwort: Ich hatte z.B. Startschwierigkeiten und schnell erkannt, dass ich mich über die Sattmacherportionen selbst belüge. Ich mag vielleicht im Plan sein, aber wenn ich ehrlich bin, sind meine Pasta-, Reis- und Kartoffelportionen unmerklich gewachsen.
Gegenaktion: Vergegenwärtige dir aufs Neue: Selbst wenn Sattmacher für einen pauschalen Pointswert gegessen werden dürfen, wir sollten nicht vergessen, dass selbst Obst letzten Endes Kalorien hat! Sattmacher heißt nicht all you can eat, Sattmacher heißt, du darfst essen bis du satt bist. (Und sorry, satt bist du nicht erst, wenn du dich bis zum Anschlag vollgestopft hast! Klar soweit!? *hüstel*)

Frage: Du frühstückst nicht gerne, hast dich aber anfangs motiviert, wenigstens eine Handvoll Obst zu essen. Ist das noch so?
Antwort: Nein, ich verzichte immer häufiger darauf bis mich spätestens gegen zwei Uhr der Hunger halb irre macht und dann muss es schnell gehen. Meist koch ich dann einen Sattmacher wie z.B. Pasta und achte überhaupt nicht darauf, dass die Gemüseportion größer ist als die Kohlenhydrateportion. Manchmal verzichte ich sogar komplett auf das Gemüse, Hauptsache ich bin voll! *räusper*
Gegenaktion: Morgens bewusst frühstücken, sättigende Zutaten auswählen, Speisenachschub entsprechend anpassen!

Frage: Wie sieht’s mit den Vorräten aus? Ist immer etwas dabei, das dir über kleinere Durchhänger hilft?
Antwort: Nein. In der Obstschale sieht es recht verschrumpelt aus, im Kühlschrank herrscht gähnende Leere, im Vorratsschrank steht nur noch Zeux, das ich nicht mag und in die TK habe ich schon ewig nicht mehr reingeschaut!
Gegenaktion: Umgebung wieder neu ordnen und Schränke befüllen! Lass die Küche lächeln, dann lächelst auch du!

Frage: Was noch?
Antwort: Ich esse nicht nur, wenn ich hungrig bin, sondern auch, wenn ich gerade keinen Bock zum *kochen, laufen, nähen, arbeiten…* hab, mich meine Mutter schon wieder geärgert hat oder ich nicht weiß, was ich tun soll.
Gegenaktion: Essen ist kein Ersatz für andere Notwendigkeiten. Lerne Nein zu sagen!

Fazit

Ich habe doch tatsächlich mein Wissen um den Weight Watchers Plan schamlos ausgenutzt, um meine Fressattacken zu tarnen!

Wie es heute auf der Waage aussehen wird, kann ich natürlich auch durch meine Bestandsaufnahme nicht beeinflussen. Aber egal was kommt, ich werde mein Verhalten wieder genauer beaufsichtigen und die Fehler ausbügeln, die sich durch meine Unachtsamkeit und Ignoranz eingeschlichen haben, denn…

Wir können vielleicht uns selbst, unser Tagebuch, unsere Freunde, unsere Treffenleiterin, unsere Leser usw. betrügen, unseren Körper können wir aber nicht betrügen!

Frage: Und wie sieht Euer Frage-Antwort-Spiel aus?

ICH – bin ich das wirklich?

Während unserer letzten Urlaubswoche in Orlando waren wir mangels Öffies und Leihwagen an unser Hotel gekettet. Nicht mal ein kleiner Supermarkt war fußläufig erreichbar. Das Speisenangebot war zwar hochpreisig, aber nicht gerade einfallsreich und für Vegetarier geradezu desolat. Und so gab es für mich täglich (kein Witz!) Caesar Salad (ohne Fleisch) mit dem Dressing daneben (also auch fast ohne Dressing – laut WW Eating Out Guide zwischen 6 und 10 Points inkl. Croutons und Parmesanschnipsel). In USA gibt es zum Salat keinen Brotkorb (wahrscheinlich weil deren Brotkultur eher nicht vorhanden ist), es gibt Salat und Dressing. Das war’s. Abends habe ich mir an der Bar Edamame bestellt, das sind gedämpfte Sojabohnen mit Meersalz (max. 5 Points), finde ich sehr lecker und nach 3 Wochen wenig essen sättigt auch die Snackversion.

Wieder zuhause esse ich nun nach Plan, also einiges mehr als im Urlaub. Und so war mein gestriges Ergebnis eher mau: 600 Gramm Zunahme. Das ist zwar ärgerlich, wird sich aber bald wieder einpendeln, da bin ich sicher.

Ganz anders sieht es derzeit mit dem Pendel in meinem mittlerweile arg gestressten Hirn aus. So sehr ich mich über meine Abnahme freue, so sehr macht sie mir inzwischen aber auch Angst. Erinnert ihr euch an die erste Hose, die mir nach den ersten Kilos endlich wieder gepasst hat? Aus der bin ich während des Urlaub „herausgewachsen“, ich kann sie inzwischen ohne Knopf und Reißverschluss zu öffnen an- und ausziehen. Ebenso die Kleidchen, die ich mir in der ersten Euphorie genäht habe: Alle zu groß, sehen aus wie Zirkuszelte. Ist doch super, werden jetzt einige sagen – ist es ja auch, AAAAAAAABER… wenn das so weiter geht, bin ich dann noch ich?

Seit ich denken kann, leide ich unter meinem Übergewicht: Mit 20 fand ich 58 unerträglich, später war es dann die 63, die ich hasste. In meinen 30ern kämpfte ich gegen die 68 und als ich mit 72 Kilo 40 wurde, dachte ich schon, ich sterbe als Zwilling von Trude Herr – will heißen, in meinem Kopf war ich immer „zu dick“. Was passiert mit solchen Leuten, wenn sie nicht mehr „zu dick“ sind?

Das mag jetzt für viele total doof klingen, aber es macht mir ehrlich zu schaffen! Ich frage mich einfach, was das für ein Mensch ist, der sich plötzlich für Küchenutensilien und das Kochen im Allgemeinen interessiert (Kochsendungen hasse ich aber immer noch… puh!), anderen Tipps gibt, wie sie sich am besten mit der Bewegung anfreunden, (die meisten) Fahrradfahrer zwar immer noch grenzwertig findet, aber selbst ein Viech besitzt und gerne auf ihm reitet, obwohl seine Frisur darunter leidet? Was ist das für ein Mensch, der heute morgen 60 Minuten Core-Training gemacht hat ohne eine Miene zu verziehen? Und was ist das für eine, die da plötzlich unter die Blogger gegangen ist und wahrscheinlich nur deshalb noch immer nicht das Handtuch geworfen hat? Mensch, ich mache seit 14. Februar, also 5 Monaten und 12 Tagen eine Diät und ich bin immer noch dabei! ICH!?????? Faszinierend! Wer bin ich?